24 Stunden auf den Philippinen

Es war seltsam, nach einem Jahr China wieder in ein anderes Land zu gehen. Ich meine, ich war ja zwei mal in Hong Kong gewesen, aber es war nicht so ein Unterschied. Zum ersten Mal seit ich nach China gekommen war konnte ich wieder einen Kulturschock genießen, und ja, ich spreche hier von genießen. Was für etwas schönes, wieder alles neu zu haben und mit frischen Augen zu sehen.
Eigentlich muss man sagen, das es schon in Peking begann. In China halten die perfekt geschminkten, superschlanken Stewardessen die rechte Hand über die linke, kurz überhalb des Bauchnabels. Sie lächeln ein einstudiertes Lächeln was wahrscheinlich verschwindet, sobald man ihnen den Rücken zudreht. Sie verbeugen sich sanft und sagen in immer dem gleichen Ton, „willkommen für Ihren Besuch“, 欢迎观临. 
Die Stewardess von Philippine Airlines war klein, dick und begrüßte mich mit einem Lächeln über das ganze Gesicht, „Hello Ma’am, how are you today?“ Ich war total verwirrt. „Ma’am?“ Hallo? Wie alt bin ich denn? In China sagt man sehr sehr selten „wie geht es dir?“. Vor allem nicht zu fremden. Ich stammele, alles gut.
Im Flugzeug muss ich weinen. China zu verlassen ist irgendwie krasser als Deutschland zu verlassen. Ich weiß, jetzt wird alles wieder normal werden.
Eigentlich wollte ich gar nicht auf die Philippinen fahren. Nicht einmal gedacht habe ich daran. Ich wollte dort mit Austin hinfahren, der aber letztlich doch auf eine chinesisch Competition in Peking gehen musste. Außerdem hatte ich zwei Nächte fünf-Sterne-Hotel gewonnen, bei einer dieser Verlosungen bei denen man eigentlich nie etwas gewinnt. Selbst als ich im Flugzeug saß hatte ich keine richtige Ahnung von diesem Land, in das ich fahren würde.
Doch dann stehe ich plötzlich am Flughafen von Manila mit meinem riesigen Rucksack und lächele über das ganze Gesicht. Endlich passiert etwas Neues.
Die Meter-Taxis teilt man sich wenn möglich. Sehr effizient. Eine andere Frau erzählt mir die ersten Sachen über dieses Land, erklärt mir wie der öffentliche Verkehr funktioniert. Es ist seltsam für mich, englisch zu reden. 
Das Taxi steht im Stau, draußen klopfen bettelnde Kinder an unsere Scheibe.
Ich komme im Hotel an, „Hello Ma’am“ heißt es wieder. Es hat einen Pool, endlich gibt es keine Internetzensur mehr.
Am nächsten Morgen beim Frühstücksbüffet. „Ma’am“ als Anrede häuft sich. Ich recherchiere nun, was man in dieser Stadt machen kann. Es gibt koloniale Architektur und Museen als Auswahl. Ich speichere alles, meine chinesische Karte funktioniert hier nicht.
Ich verlasse das Hotel und werde angeschaut wie eine verrückte, als ich den angebotenen Chauffeur-Service ablehne. Ich möchte zum Museum und das ist an der Station Ayala, sagt tripadvisor. Hier gibt es keine richtigen Stationen sondern man muss die Busse herwinken. Dann schreit man das Ziel und steigt ein, wenn der Schaffner winkt. Mir wird von allen Seiten geholfen. „Welcome to the Philippines, Ma’am!“ heißt es.
Abgesehen von Bussen gibt es hier noch die sogenannten Jeepneys, was eine Art langer Jeep ist mit zwei Sitzbänken die sich gegenüber sitzen. Es kostet 7 Pesos, egal wohin. Also 10 Cent. Die Jeepneys sind bunt dekoriert und jedes hat seinen eigenen Namen, zum Beispiel „Bachelor“ oder „Pacman“. Es läuft laute Musik und es blinken Lichterketten. Nach Deutschland exportiert könnte man es als Partybus vermieten. Absurd.
Angekommen muss ich durch ein paar Malls durch um zum Museum zu kommen. Für mich wird es immer seltsam bleiben, wie die Malls aller Länder gleich aussehen. Auch hier sprechen mich Leute an, brauche ich Hilfe? Nach 12 Stunden in diesem Land liebe ich die Philippinos schon, und später werde ich hier auch noch Freunde finden. Aber das im nächsten Blog. 
Im Museum jedenfalls lerne ich über traditionelle Arten des Webens und Goldschmuck. Dann gibt es noch eine Ausstellung zur Philippinischen Geschichte, von der Steinzeit an, modellierte Szenen. Die Philippinen wurden schon früh von den Spaniern kolonialisiert. Gegen die Jahrhundertwende wurden sie von den USA übernommen um dann nach dem zweiten Weltkrieg in die Unabhängigkeit zu gehen. Es ist eine demokratische Republik. 
Von einer Kampfszene gegen Chinesen macht ein vielleicht 14-Jährige ein Foto mit Snapchat. „Kill u all“ schreibt sie darunter. Die Spannung wegen des südchinesischen Meeres ist jetzt auf einem Höhepunkt, den in Europa niemand wahrnimmt. Zu weit weg vielleicht. Aber ich weiß hier wird es bald einen Krieg geben und wenn China einen Krieg führt, dann wird das anders als wir es bisher gesehen haben. Es bedrückt mich wie wenig die Philippinen hier ausrichten können, ja, alle Länder in Südasien. Noch mehr, wie wenig viele über die wirklichen Ursachen des Konflikts wissen, Europäer, Chinesen, und das snapchattende Mädchen vor mir eingeschlossen.
Metro Manila ist eine riesige Metropolregion die sich aus verschiedenen Städte zusammensetzt, die mit den Jahren zusammengewachsen sind, aber immer noch getrennt administriert sind. Es ist eine der dichtesten Gebiete der Welt und jeder noch so kleiner Freiraum ist mit kleinen Wellblechhäusern zugebaut. Wie in Zhengzhou eigentlich. Es ist also ein sehr langer Weg um von einem Ort zum anderen zu kommen. Ich genieße es aber irgendwie auch, einfach auf dem Weg alles zu beobachten.
Als ich aus der Bahn aussteige kaufe mir einen Becher mit Mais. Hier fängt die Altstadt an. Ein vielleicht fünf jähriger Junge stellt sich mir in den Weg. Ich gehe um ihn herum, aber er breitet die Arme aus. Hier geht’s nicht weiter. Ich lache. Er zeigt auf meinen Maisbecher, fordert Zoll, so wie wir es in unserer Kindheit gemacht haben, damit unsere Eltern wieder ins Wohnzimmer durften. Nachdem er den Maisbecher bekommt verbeugt er sich vor mir und rennt dann los, verfolgt von anderen Kindern.
Es ist sehr heiß hier. Heißer als in China, selbst heißer als in Hong Kong, was ja sehr südlich liegt. Ich komme aber am Ende des Sommers, der Sommer ist hier im April/Mai, so wie in Malaysia.
Ich laufe durch die Straßen und es sieht seltsamerweise fast aus wie Spanien. Die Geschäfte haben teilweise auch spanische Namen. Aber natürlich hat es einen Philippinische Touch. Immer mehr gefällt mir dieses Land.
Ich kaufe einen eisgekühlten Saft der irgendwas mit Aga-Ogay oder so etwas heißt. Er schmeckt sehr süß und sehr seltsam. Ich möchte mit dem Jeepney nach Hause fahren. Innen drin rüttelten es sehr. Der Plastikbecher verbiegt sich leicht und langsam läuft mir der klebrige Zucker über die Hand. Gegenüber von mir sitzen zwei Mädchen die immer wieder auf ein Handy schauen und anfangen zu lachen. Daneben sitzt noch eine, sie schaut die beiden an, wirft mir einen Blick zu und rollt mit den Augen, ich lache.
Ein Bettler kriecht in das volle Jeepney und fährt mit einem Lappen über unsere Füße. Die Musik wechselt zu „Talk Dirty to me“, die beiden Mädchen mir gegenüber singen mit und tanzen auf ihren Plätzen herum. Es riecht nach Abgasen. Der Saft ist mittlerweile auf meiner Hand festgetrocknet und wenn ich meine Finger öffne klebt die Haut aneinander. Ein anderer Bettler springt auf und streckt die Hand nach meinem Becher aus. Ich bin froh darum. Er springt ab, prostet uns lachend zu, und trinkt den Saft in einem Zug aus. Wir lachen. Das Mädchen mir gegenüber macht ein Foto.
Langsam wird es Abend, bald wird die Sonne untergehen. Den Sonnenuntergang über der Bucht anzuschauen ist eine Sehenswürdigkeit hier und ich muss mich beeilen um ihn noch zu erwischen.
Ich laufe schnell in der Hitze und ein paar Leute die auf der Straße ihr Lager für die Nacht aufschlagen lachen und rufen, ich soll es langsam angehen lassen. Als ich schließlich ankomme sieht man nur noch einen kleinen Streifen orange am Horizont, der Rest ist schon dunkel. Ich stehe da, es ist sehr still, man hört die Wellen. „Oh no Ma’am, you miss sun Ma’am“ sagt jemand von der Seite. Dann ist es wieder still. „I guess so“ sage ich. Stille. In diesem Augenblick macht es mir nichts aus den Sonnenuntergang verpasst zu haben. Nein, mir wird klar, wie sehr das Schicksal spielen musste um mich an diesen wundervollen Ort zu bringen. Was für ein Glück ich habe, dass ich hier sein darf.
In diesem Augenblick stürzt es auf mich ein was alles passiert ist in dem letzten Jahr. Wir sehr es mich verändert hat. Aber auch, dass es immer weitergehen kann mit dem neuen. Das auch wenn ich China jetzt verlassen muss, etwas Neues auf mich zu kommt. Ich bin im Frieden mit allem was schlecht war und auch mit dem guten, was jetzt scheinbar vorbei ist. Denn es bleibt die Erinnerung und es bleibt so viel was noch vor mir liegt.
„You wanna buy peanuts?“ Kommt von der Seite. Ich drehe mich um und ein Zahnloses Gesicht lächelt mich an. Gerne. Wenigstens die Erdnüsse schmecken so wie in China.
24 Stunden sind vorbei.

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