Endlich frei. Und was dann noch geschah.

Am Freitag dem 27.6., war mein letzter chinesischer Schultag. Es war alles wie normal. Am Morgen hatte es ein bisschen geregnet. Meine Gastschwester war gerade im Krankenhaus und deshalb bin ich am Nachmittag nicht mehr hingegangen. Den Großteil der Bücher die ich behalten wollte hatte ich schon vorher mit nach Hause genommen. Jetzt nahm ich nur noch Reste mit. Meine Mitschüler, die heute auch ihren letzten offiziellen Tag hatten, waren schon seit Tagen nicht gekommen. Ich war nicht besonders emotional, mit meinen Freunden aus der Klasse würde ich mich noch treffen und mit dem Rest war ich eh nie richtig warm geworden. Wir liefen alle runter, ich langsam und mit Musik, ich freute mich darauf endlich aus der Schule heraus zu sein, und wurden von sintflutartigem Regen begrüßt.
Ich fuhr durch den Regen nach Hause, duschte und packte meine Sachen. Am Mittwoch hatte ich eine Einladung für eine Veranstaltung meines Teehauses bekommen, am Donnerstag entschieden zu fahren. Mein Onkel holte mich zuhause ab und wir führen ins Krankenhaus. Meine Gastschwester hatte ihre Biopsie hinter sich und war schwach, aber ich konnte mit ihr scherzen was sie besser fand als das Heulen von allen anderen. Im Nachhinein weiß ich jetzt das es alles kein Problem war. 
Ich war jedenfalls glücklich das ich in China nie krank war, denn das beste Krankenhaus in Henan (100 Mio. Einwohner) hatte drei oder sechs Betten pro Raum und noch welche auf den schlecht beleuchteten Fluren. Irgendwann stand ich mit den Onkeln auf dem Flur wo ein Typ mit Blutflecken auf dem Krankenhaushemd und einem Verband um den ganzen Kopf wieder und wieder vorbeilief, mich anstarrte und mir Schauer über die Arme jagte. Eine der Reinigungsfrauen brachte sich nach langem Widerstand dazu, mich zu fragen, ob ich chinesisch könne. Ich bejahte und sie überschlug sich fast vor Freude und erzählte zehn Minuten lang allen vorbeigehenden von ihrer ausländischen Freundin. Die alte im Bett auf dem Flur, die leider kein Chinesisch konnte sondern nur einen dörflichen Dialekt von Henan (spreche ich ja auch aber den Dialekt konnte ich nicht so ganz verstehen…), war jedenfalls sehr froh ihren ersten Ausländer zu sehen und meinte da würde es sich fast lohnen ins Krankenhaus zu gehen. Wie war das Anoch mal mit den Roten Nasen die Kranke aufmuntern sollen?
Ich hatte einen Nachtzug gebucht, und zwar leider ohne meine Freunde weil die Tickets schon weg waren. Ich hatte noch ein paar Stunden bis 10. Der Onkel fuhr mich zum neu gebauten CBD Viertel was ja in der Nähe der Oststation ist (Spoiler: Nachtzüge fahren von einer anderen Station ab als so ziemlich alle anderen) wo ich Sally und ihre Freunde zum Ktv traf. Ich machte mich zeitig auf um Essen für den Nachtzug zu kaufen und Henan Spezialitäten zum mitbringen falls ich länger bleiben würde und irgendwo zu Besuch sein würde. Ich war ewig auf der Suche nach bestimmten Keksen und 黄焖鸡米饭, eine Henan Art von geschmortem Hühnchen mit Reis. Schließlich gefunden, machte ich mich auf zur Ubahn Station. Beim Durchleuchten der Taschen am Eingang der Station lief erst mal die Take-Away Box vom Hühnchen aus was ich natürlich als schlechtes Omen ignorierte. Ich fuhr 20 Minuten zur Station und beweinte, das ich die Henan Kekse jetzt überteuert an der Station kaufen müssen würde. Angekommen fällt es mir dann doch noch ein die App zu checken, von welcher Station ich abfahren würde. Mit großen Schritten dann zurück in die Ubahn. Neben mir saß ein sehr betrunkener Transsexueller der auf Henan seiner Begleitung eine sehr lange Weile erklärte, das er wirklich nicht betrunken sei. Angekommen an der anderen Station jedenfalls holte ich mein Ticket unter vielen starrenden Blicken ab, denn ich war nicht nur ein Ausländer in Zhengzhou sondern ich würde sogar den schlechten Zug nehmen. Im Warteraum fand ich einen Platz neben einem vielleicht 2 Meter Großem, der die zwanzig Minuten Wartezeit damit verbrachte den Scheitel eines gezeichneten Portraits auszuradieren und erneut zu zeichnen, immer und immer wieder. Ich hatte das unterste Bett von drei. Gegenüber war ein Alter mit dickem Bernsteinarmband der die ganze Zeit Telefonate in Henan führte. Über ihm war ein vielleicht Dreißigjähriger, der erst mit seiner Ehefrau über gemeinsame Freunde tratschte und dann anfing, mir Fragen über Deutschland zu stellen. Nach meiner Antwort überlegte er erst eine Minute, dann ging es weiter. Er fing auch ganz ohne meine Ermutigung an mir etwas von Deutschland zu erzählen, zum Beispiel, Bmw, oder Hamburg ist in Norddeutschland, oder Deutschland hat ost und West, oder in Tsingdao gibt es heute noch eine deutsche Fabrik aus dem neunzehnten Jahrhundert die immer noch mit bestimmten Schrauben arbeitet die es in Deutschland nicht mehr gibt. Aha. Jedenfalls gingen bald die Lichter aus und ich schlief gut bis wir uns dann kurz vor fünf bereit machten zum aufstehen. 
Als ich alleine mit wenig Gepäck durch die Beijinger Zugstation ging, lief mir plötzlich ein Schauer über den Rücken, This Place is right where you need to be. Ich war so glücklich nicht mehr in die Schule zu müssen und ich war so glücklich einfach nach Beijing fahren zu können.
Ich wartete eine Stunde auf meine Freunde aus dem Teehaus. Wie waren insgesamt sieben, eine um die zwanzig, der Rest in den Dreißigern und Vierzigern. Alle quatschten sehr fröhlich herum und aßen den Rest meines Brots auf. Wir liefen im Gänsemarsch zur Ubahn, wo 甜美 die Bemerkung machte, wir sähen doch eigentlich echt aus wie die Personen in einer traditionellen Geschichte die vielleicht den sieben Zwergen zu vergleichen ist. Die sieben Zwerge machten sich also auf zur Teeversammlung.
Auf dem Weg trafen wir 云开 den wir dann aber verloren und uns verliefen. Niemand schien es zu interessieren, sie quatschten einfach weiter, bis er mich irgendwann anrief, wo wir denn seien. Trotz allem waren wir viel zu früh da. Wir liefen los um Frühstück zu kaufen, Jianbing, eine Art Eier-Wrap mit Gemüse und Sesam, und Soyamilch. Die Verantstaltung am Vormittag bestand aus Vorträgen und natürlich vielen verschiedenen Teesorten. Besonders gefallen haben mir der zweite und dritte, Pu’er Tee, einer schmeckte sehr holzig und erdig während der darauffolgenden stark nach Chlorophyll roch und nach dem Geruch eines trockenen Oktobers schmeckte. Es waren etwa hundertdreißig Leute da und der Veranstaltungsort war in einem luftigen Gewächshaus von dessen Decke lange Ranken herunterhingen. Als Mittagessen bekam jeder Boxen mit Reis, Obst und verschiedenen Gemüsen. Die Sonne schien von oben durch das Glas herein und generell war es ein schöner Tag. Nach dem Mittagessen bekamen wir eine Führung durch das hintere Gewächshaus, was eine Forschungseinrichtung in Pflanzungsmethoden war. Ohne Erde und auf verschiedenen Etagen wuchsen perfekte Blätter aller Art heran. Typisch Chinesen hörte sich nur ein Bruchteil der Teilnehmer die Führung an, während der Rest ausschwärmte um heimlich die Blätter essen zu gehen. Die zweite Halle war voller verschiedener Tomatensorten. Ich würde involviert in Selfies mit meiner Freundin und den Tomaten beziehungsweise machte aus Gruppenzwang auch ein paar Bilder von der Halle. Und aß natürlich auch ein paar heimliche Tomaten.
Die dritte Halle war dann eine Art nach westlichem Ideal gestalteter Garten der mich sehr an den Garten meiner Großeltern erinnerte. Ich lernte noch mehr „Teefreunde“ der Organisation kennen, aus allen Ecken Chinas. Am Nachmittag ging das Programm weiter, diesmal von einer Teefreundin moderiert die Moderatorin ist und einfach nur lustig war. Es gab traditionelle Lieder (googlet das mal, wenn es für euch erstmal sehr schräg klingt dann ist es das richtige, ich finde es mittlerweile schön) und wir sangen auch alle zusammen ein paar, die ich auch kannte. Eine Menge Teefreunde führten irgendetwas vor, wie zum Beispiel die mir gegenüber sitzende, die machte Schwerttanz. Gegen Ende bekamen wir alle einen Teebecher geschenkt, nicht die kleinen aus Porzellan leider, aber doch handgetöpfert. Und noch Gurken und Tomaten aus dem Gewächshaus! Ich sollte mit dem anderen „Ausländer“ aus Hong Kong (ich lasse diese Interpretation bei euch) ein Interview auf Chinesisch machen und das war ok. Am Ende durfte ich die benutzten Teeblätter des zweiten Tees nach Hause nehmen. 
Da alle aus meinem Teehaus in Zhengzhou entweder bei Freunden oder in einem Hotel für 700 Yuan pro Nacht schliefen, nahm ich mit ein Hostel, was sehr zentral war im Hutong. Am Anfang fiel es mir schwer mit anderen Ausländern zu kommunizieren und es war sehr sehr seltsam so viele auf einem Haufen zu sehen. In meinem Raum war eine Amerikanerin die gerade ein zweimonatiges Forschungsprojekt in China beendet hatte, zwei Brasilianer die am nächsten Tag nach Indien fliegen würden und ein Deutscher aus Aachen der auf seinen Aufbruch nach Nordkorea wartete (Ah, Neid). Zum Abendessen ging ich dann alleine durch die Hutongs und entschied mich für Henan essen. Ich lief am dem Abend noch stundenlang durch die Hutongs, die Altstadt sozusagen. Ein Straßenfeger hatte in einem Käfig drei Eichhörnchen, die er unter liebevollem Blick mit Sonnenblumenkernen fütterte. Ein paar Andere blieben da noch stehen, wir redeten und tauschten Wechat aus, sie schickten mir dann tausend lustige Sticker. Es kam mir gar nicht seltsam vor, während ich zurück im Hostel dann wieder Leute anstarrte.
Am nächsten Morgen fingen die Brasilianer früh an zu packen. Ich aß Kirschen, Gurken und Tomaten auf der Dachterrasse des Hostels und sprach mit einer Amerikanerin die seit zwei Jahren in einem Dorf in China lebt (Mit dem Peace-Corp) aber kein Chinesisch kann (wtf?). Ich verschenkte den Rest meines Essens und fuhr mit der Ubahn zum neuen Teehaus in der Sanlitun Area das heute eröffnet werden sollte. Ich trug sogar ein Kleid und war geschminkt!
Die Eröffnung war lustig und es gab noch mehr Tee und Lieder und Bilder. Es gibt viele schöne Bilder und wenn ich die jetzt anschaue dann wünsche ich mir den Tag irgendwie doch zurück. Wir gingen alle zusammen zum Essen, das Vegan war und sehr lecker im Vergleich zu deutschem veganen essen, aber das ist ja so das generelle Schema wenn es um chinesische Küche geht.
Für eine Nacht nach Beijing zu fahren lohnt sich ja sehr wenig, deshalb, wenn ich nicht zur Schule muss, warum bleibe ich nicht noch ein bisschen? Gerade gut, dass ich Verbindungen in Beijing habe und so einen Ort zum schlafen, zentral noch dazu. Ich komme am frühen Nachmittag dort an und treffe die Oma/Tante. Das Kinderlose Paar ist sehr nett und am Nachmittag gehen wir einkaufen und ich darf den Frischkäse kaufen den der Supermarkt hat! 9 Monate ohne Frischkäse waren eine lange Zeit haha. Ich schlafe in der Wohnung der Eltern im Erdgeschoss und habe viel Platz für mich. Happy!
Am nächsten Morgen komme ich hoch in freudiger Erwartung des Frischkäses und wer hätte es gedacht, es gibt 100%igen Multivitaminsaft. Ahhhh. Die Tante und ich machen uns dann auf zum Tempel des Himmels, Tempel der Ernte und dem dazugehörigen Park. Sie hat Knieprobleme und läuft sehr langsam, aber erzählt mir viele Geschichten und ich weiß ja das ich am Nachmittag alleine loskann. Leider fühle ich mich gezwungen eine Freundin in Beijing zu erfinden, denn wie alle älteren Chinesen traut sie es mir nicht zu, alleine Ubahn zu fahren. Wie ich es alleine nach China geschafft habe ich allen auch unverständlich. Wie auch immer, am Nachmittag ging ich los zum Lama-Tempel der mich sprachlos machte, einfach wunderschön. Ich verbrachte Stunden dort, betete fast an allen Stationen und ich hoffe doch alle meine Wünsche werden in Erfüllung gehen. Im Tempel waren viele andere Ausländer, eine Reisegruppe von Briten in den Fünfzigern die das Beten als Fotoshooting inszenierten, ganz ungestört von der Tatsache, das es ein heiliger Ort ist. Und noch eine Mexikanerin namens Llorena die weinen musste weil sie, wie sie mir erzählte, das ganze plötzlich richtig fühlen konnte. 
Nach weiterem laufen durch die Hutongs und langsam müden Füßen in den Sandalen besuchte ich die alte Konfuzius Lehrstätte, die seit der Ming Dynastie so intakt war. Es war jetzt später Nachmittag und ich war eine der einzigen Besucher. Die Bäume dort waren das, was mich am meisten faszinierte. Es waren chinesische Nadelbäume, jeder hunderte von Jahren alt. In einer Ecke war der originale Baum einer traditionellen Geschichte, ein Baum stirbt und in seinen hohlen Stamm fällt eine Maulbeere die zu einem Baum erwächst. Es gab viele drei Meter hohe Steine mit Inschriften und natürlich schöne Gebäude und Hallen. Das Ganze im Spätnachmittagslicht war einfach nur perfekt.
An diesem Tag war ich so müde, aber noch zum Abendessen mit jemand aus der Teezeremonie verabredet. Ich wünschte ich könnte euch ein Bild schicken von unserem Essen aber das werde ich ergänzen sobald ich wieder außerhalb der Wand bin. Es gab jedenfalls Zitronentofu mit kleinen grünen Mungobohnen, gelber gekochter Weizen mit Gewürzen, Riesengarnelen die mit Zucker und Süßen Paprika karamellisiert waren (oh ja) und Curry mit Hühnchen in einem Block Toast. Wir liefen noch ewig herum und suchten nach Teegläser. Bei unserer Teezeremonie benutzen wir zwei Sorten Gläser, erst kommt der Tee in ein hohes, dann kippt man ihn in eine kleine Schüssel, und riecht das hohe. Doch so macht man es nur bei wirklich gutem Tee und es ist eigentlich sehr altmodisch, deshalb ist es schwer diese hohen Gläser zu finden. Die Teegemeinschaft verkauft sie zwar, aber das sind handbemalte zu sehr hohen Preisen.
An dem Tag bin ich 17,8 km gelaufen, 30.000 Schritte. Der Onkel läuft jeden Tag total viel und zeigt mir ganz stolz seine Schritte, auch wenn sie nicht an meine herankommen. Der Onkel ist Mega lustig und macht ständig Witze. Vor allem aber erzählt er die ganze Zeit, was an anderen Ländern schlecht ist. Das chinesisches Essen und generell chinesisches alles besser ist. 
Am nächsten Morgen ging es los mit Onkel und Tante zum Sommerpalast. In der verbotenen Stadt war ich ja schon gewesen und ich kann euch wirklich nur empfehlen den Sommerpalast stattdessen anzuschauen. Nicht das die verbotene Stadt nicht gut gewesen wäre, es ist schließlich das meistbesuchte Museum der Welt, aber allein von den Ausmaßen hat mich der Sommerpalast weggefegt. Das Gelände ist riesig und hat einen riesigen von Menschenhand gemachten See und aufgeschüttete Berge. Auch die Geschichte ist interessant, denn im neunzehnten Jahrhundert wurde er von den Briten zerstört. 
Nach dem Sommerpalast waren wir in einem Shanxi Provinz Restaurant essen. Gegen fünf kamen wir zuhause an und mein Plan, nach dem Sommerpalast in den Kunstbezirk zu gehen zerplatzte in dem Moment zu tausend Stücken, als ich mich auf das Sofa setzte. An dem Abends verließ ich aber sogar noch mal das Haus mit der Tante um Kuchen einkaufen zu gehen fürs Frühstück, der sogar echt nach Kuchen schmeckte. Am Abend saß ich mit der Tante bei mir unten in der Wohnung am Küchentisch und erzählte ihr von Zhengzhou. Da musste ich plötzlich weinen, denn nach drei Tagen im westlichen Käseparadies Beijing fing ich an Zhengzhou zu vermissen. Es ist wirklich so, dass Zhengzhou hier meine zweite Heimat geworden ist und auch wenn alle Leute Witze über Henan und die Leute aus Henan machen, sage ich doch, ich bin ein Zhengzhouer. Ich habe mich mittlerweile so angepasst, dass ich mir selbst in Beijing ein bisschen fehl am Platz fühle. Es wird so schwer diese Stadt zu verlassen die ich hasse und liebe gleichzeitig, die es ja eigentlich nicht wert ist, aber die halt trotzdem irgendwie meine Heimat ist.
Meine Pläne verschoben sich schon wieder, denn ich war schließlich immer noch nicht bei der großen mauer und dem Kunstbezirk. Ich erzählte meiner Tanze ich wolle den ganzen Tag im Nationalmuseum verbringen, denn wie gesagt, es wurde stark an meiner Fähigkeit gezweifelt, alleine eine Ubahn zu nehmen. Mein Plan war es, zuerst zum Kunstbezirk zu fahren, dann zum Nationalmuseum, und am Abend dann Yunkai im Teehaus zu treffen. Meine Tante aber machte mir einen Strich durch die Rechnung, sie empfiehl mir, mit dem Bus zu fahren. Und wollte mich zur Bus-Station begleiten. Ich, natürlich wenig motiviert mit einem Bus in die entgegengesetzte Richtung des Kunstbezirks zu fahren, versuchte mit allen Kräften mich herauszuargumentieren. Die Tante hätte ja Knieprobleme und ich würde ja alleine zur Busstation gehen können. Ich hätte im Internet den Weg von der Ubahnstation zum Museum nachgeschaut, nicht den von der Busstation zum Museum. Aber nichts hielf. Als der Bus nicht kam versuchte ich es noch mit einem „du musst nicht mit mir warten“, aber die Tante war wirklich sehr motiviert mich in diesen Bus zu setzen. Ihr könnt euch vielleicht vorstellen wie es mir ging als sich die Türen schlossen und ich die Tante mich mit einem, in meiner Einbildung, siegreiches Lächeln bedachte.
Also das Nationalmuseum. Vom Architekturbüro meines Vaters gebaut, stand es natürlich ganz „oben“ (oben=wenn ich noch Zeit habe) auf meiner Liste. Die Ausstellungen waren das, was man normalerweise in China auch sieht. Keramiken, Bronzetöpfe von vor 3000 Jahren und Malereien, Kalligrafien und so. Mein Favorit war dann doch eine Ausstellung über die Geschenke, die China von anderen Ländern erhalten hat. Hier kann man sehen, wieso der Elefantenbestand in einigen Ländern heute geringer ist als in anderen. Es war sehr lustig, auch zum Beispiel ein sehr sehr schlechtes Bild von Goldfischen zu sehen, was China von Singapur bekommen hat, komplett mit einem grünen Spiegelrahmen der an einer Ecke mit einer Orchidee aus Glas verziert war und mich ein bisschen an den Bilderbestand im Haus meiner russischen Großeltern erinnerte. Ich weiß ihr alle fragt euch, was Deutschland China geschenkt hat. Und es ist eine blau-weiße Dose aus Porzellan, nicht einmal besonders schön bemalt, die hinter der Bonbondose meiner Großmutter im Schatten steht. Na toll. Immerhin klappten Deutsch-Chinesische Beziehungen trotzdem irgendwie.
Am Mittag schaute ich beim Teehaus vorbei weil Yunkais Handy kaputt war. Wir verabredeten uns zum Tee mit einer die ich schon am Samstag getroffen hatte. Ich fuhr eine Ewigkeit zum Kunstbezirk und war sehr überrascht als ich zum ersten Mal wirklich China-kritische Kunst sah die im öffentlichen Raum ausgestellt war. Viele Galerien später und ein klitzekleines bisschen Wehmut an Berlin bekam ich eine Nachricht von meiner Tante, wir würden heute Pekingente essen gehen und ich solle doch nach Hause kommen. Kein Tee für mich. 
Jedenfalls waren wir in einem tollen Entenrestaurant, die die Enten noch nach traditioneller Art herstellen. Und ich kann ich nur sagen, es war mehr als lecker. Als wir das Restaurant verließen durften wir aus einer Losbox eine Karte ziehen. Ich gewann den Hauptpreis, einen viertägigen Aufenthalt in einer Schönheitsklinik und Operationen zum halben Preis! Yay. Schade nur, dass meine Nase schon westlich aussieht und ich auch noch doppelte Lidfalten habe. Den Preis ließen wir also da, ich handelte aber schließlich noch einen Regenschirm raus.
Am nächsten Morgen hatte ich die Tour zu großen Mauer gebucht, zusammen mit Sindy, die jetzt auch in Beijing angekommen war. Es gibt verschiedene Teile der Mauer die mehr oder weniger restauriert sind. Und natürlich, wie ihr mich auch alle kennt, habe ich mir eine Wanderung auf dem aller zugewachsensten und auch leicht illegalen ausgesucht. Mehr dazu in einem eigenen Eintrag, es ist eine längere Geschichte. 
Am Abend jedenfalls, ich hatte mein Ticket zurück nach Zhengzhou für den nächsten Morgen (Freitag) bereits gebucht, gehen wir Pizza essen. Oh. Mein. Gott. Piz-za. Und ich bin psychologischem Druck ausgesetzt später zu fahren weil am Samstag morgen ein anderer Deutscher nach Peking kommt, der Mann einer Freundin, und die Tante mir immer wieder erzählt wie sehr sie sich darauf gefreut hatten und das der wohl auch noch Schokolade für mich mitbringen würde. Obwohl die am Anfang wussten das ich nur bis Dienstag bleibe, was dann zu Freitag würde. Das ich sage, das ich zurück möchte weil meine Gastschwester ja gerade erst aus dem Krankenhaus rausgekommen ist gilt offenbar auch nicht. Aber letztlich ist es mir auch egal, denn ich kann meinen Aufenthalt wirklich nicht verlängern, am Samstag muss ich arbeiten, und außerdem habe ich jetzt natürlich nicht allen in Beijing gesehen aber das was mich interessiert. Und, ich vermisse Zhengzhou und die Leute aus Zhengzhou.
Als ich am Abend dann endlich in meine Wohnung kann, bin ich total fertig. Die Tante redet die ganze Zeit und gibt mir Tipps wie ich alles verpacken soll, aber es geht komplett an mir vorbei. Als sie endlich weg ist muss ich mich echt überwinden um mich überhaupt noch zu bewegen. Ich bin froh das ich zurück nach Zhengzhou kann, auch wenn sämtliche Beteiligten das nicht wollen.
Am Morgen bekomme ich von den beiden viel Essen eingepackt und sogar noch Kekse für meine Gastschwester. Trotz ein paar halbherzigen Bemerkungen haben sie es jetzt offenbar akzeptiert das ich gehe. Irgendwie werde ich sie schon vermissen, mittlerweile sind wir so vertraut, fast wie Familie…
An der Station sind Tante und Onkel verwirrt und sehr beeindruckt wie ich die Schalter finden kann. Schließlich lassen sie mich nach irgendwie doch sehr emotioneller Verabschiedung endlich allein. In der Wartehalle höre ich um mich herum dann endlich wieder Henan. Am Telefon spreche ich mit meiner Gastmutter dann endlich wieder richtig entspannt und muss nicht immer darüber nachdenken wie genau man nochmal Mandarin spricht.
Im Zug fange ich diesen Blogeintrag an. Es ist wirklich eine Menge in Peking passiert und ich fühle mich so lebendig mitten in der Freiheit die ich jetzt habe ohne Schule. Die letzten Tage haben mich zwar müde gemacht, aber ich habe doch jeden Augenblick genossen und festgehalten. Denn jetzt, wo ich zurückkomme, sind nur noch drei Wochen in China übrig.
Gegen halb zwei komme ich in Zhengzhou und wieder sichtbarer Luft an, aber zweihundert Punkte sind nicht viel und nach anfänglichem Jucken fällt es mir sehr leicht mich nach der Pekinger Luft wieder daran zu gewöhnen. In der Ubahn höre ich dann nicht mal mehr Musik um das Henan um mich herum aufzusaugen.
An der Station kämpfen die Modi (Motorradtaxi) Fahrer um mich. Ich suche mir eine süße kleine Alte aus. Ich sitze mit den Beiden auf einer Seite auf dem Motorrad und die etwas zu warme Luft weht mir in den Haaren als wir durch die Schlaglöcher hüpfen. Als wir dann endlich meine Straße entlangfahren und ich all die Leute sehe die diskutieren, mit am Bauch hochgerollten Shirts auf kleinen Tischen Karten spielen und die mit lauter Gemüsekarren herumlaufen, da wird es mir so warm, ganz tief im Innern. Die Modifahrerin fragt schließlich schüchtern, ob ich Chinesisch könne. Ich bejahe, sie sagt, willkommen in Zhengzhou, was mache ich hier. Ich sage, ich bin hier zu Hause. Sie fragt mich ungläubig, findest du Zhengzhou ist ein guter Ort? Ja, sage ich, sehr gut. Zuhause ist doch der schönste aller Orte. Sie lacht. 
Auf der Straße fällt jemandem ein hoher Stapel Boxen um und alle auf der Straße lachen. Meine Fahrerin dreht sich um und ihr faltiges Gesicht zeigt das allerschönste glückliche Lachen. Mir wird noch viel wärmer und Herz und ich fange auch an zu lächeln. Menschen lächeln mir zu, und als ich schließlich in meiner Siedlung ankomme fragt mich der Alte vom Tor wie Beijing war. 没有郑州好, hat nicht Zhengzhou gut, und in diesem Moment meine ich das auch so.

13 Kommentare

  1. eine Kunst: aus Erlebnissen eine Geschichte machen: Ivi, grosse Klasse mal wieder, Danke!

  2. Kann mich da nur anschließen, coole Beschreibung, Ivi. Die Materialmischung für Porzelan war in Europa ja lange unbekannt, bis sie den Chinesen gestohlen wurde. Ich finds ja ziemlich pikant, dass dann ein Geschenk wie die Porzelandose an China überreicht wurde.

    • Hehe ach Quatsch das macht den Chinesen relativ wenig aus, die Leute im Museum haben um mich herum jedenfalls die meisten Ausstellungsstücke mit den Worten bedacht, eigentlich wäre doch China das eindrucksvollste Land…

  3. Endlich mal wieder eine deiner interessanten Ablenkungen vom europäischen Alltag! Große Klasse! Wünschte, du könntest immer mal wieder zwischendurch auf die Rec Taste drücken… ?
    Sind das in Bejing eigentlich die Großeltern deiner Gastschwester?
    Genieß weiterhin deine Zeit! Wünsch dir noch viele tolle Erlebnisse

    • Ich werde es versuchen!

      Die Leute in Beijing sind die guten Freunde von einer mit meinen Großeltern eng befreundeten Familie, die Großeltern meiner Gastschwester leben in Zhengzhou.

      Danke für die lieben Wünsche, noch eine Woche und vier Tage in Zhengzhou jetzt…

  4. Jürgen + Christine

    Wieder ein phantastischer Bericht, Ivi. China gefällt uns immer mehr. Speziell das Essen wäre auch was für mich.
    Bei mir gibt es allmählich auch Abschiedsgedanken. Noch 5 Wochen und ich sage Tschüss Schule. Wird auch noch recht emotional.
    Aber es gibt ja immer wieder neue Aufgaben.
    Du hast ja großartige Pläne und mit deinem China know -how hast du tolle Voraussetzungen.!!! L G C u J

  5. Das ist die richtige Einstellung! Wir freuen uns jedenfalls auf dich!

  6. Liebe Ivi,

    meine Güte, mit deiner Beschreibung von der Ankunft in Zhengzhou hast Du mich fast zu Tränen gerührt…ein Ort muss halt nicht schick und shiny sein, damit man ihn liebt, es hängt immer von den Menschen und den Erinnerungen ab, die dort wohnen.

    Ich hoffe, Du hast noch eine tolle Reise und zwischendurch Zeit für einen Blogeintrag. Ansonsten kann ich ja schonmal ein Doodle für den ersten chinesischen Kochabend einrichten.

    Joshi macht jetzt übrigens Kung Fu und kann deswegen, sozusagen als Nebenprodukt, auf chinesisch bis zehn zählen. Keine Ahnung, ob ein Mensch aus China das verstehen würde, aber immerhin…

    Liebe Grüße!
    Dinah

    • Das hast du schön gesagt.

      Das Doodle heb dir mal auf bis ich wiederkomme, denn noch weiß ich nicht genau was passiert und wann ich überhaupt da bin. Ich teste gerne Joshis Chinesischkenntnisse, wenn ich wieder da bin haha, in China könnte er übrigens richtig berühmt werden, er entspricht so ganz genau allen Idealen.

      Ich versuch dranzubleiben mit den Einträgen!

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