HSK, Graduation und ein Heiratsantrag!

Mal wieder ein bisschen was so passiert in meinem chinesischen Leben gerade… Wer nur ließt weil ich einen Heiratsantrag erwähnt habe der darf einmal bis zum Ende runterscrollen. 
Am Anfang darf ich fröhlich verkünden dass ich endlich den HSK4 geschrieben habe was dem B2 Level entspricht. Also schon ziemlich gut! Die Frage aller Fragen ist natürlich, wann ich den fünften mache der nochmal viel mehr Vokabeln hat aber dann endlich das native Level ist. Der sechste ist komplett außer Reichweite, weil ich ja keinen chinesisch Unterricht habe und alles selbst gelernt ist. In dem sechsten HSK kommt nämlich Grammatik vor die Chinesen nicht mal können! 
Nach dem Test (am Samstag) bin ich dann zu meiner Graduation Ceremony gerast, denn die meisten Mitschüler meiner Klasse sind mit ihren A-Leveln jetzt fertig. Diese Woche ist meine letzte offizielle Woche Schule! 
Dann war ich mit meinen Deutschschülern am Gelben Fluss zum Grillen, die hatten einen Bus vom öffentlichen Verkehr gemietet und wir zogen mit zu viel essen für 20 Personen los. Es war sogar eine ganze Galeone Wasser da! Wir hatten auch Tische und Stühle und das ganze war ziemlich lustig. Ich hatte meine Schüler einen Monat nicht gesehen und es war cool mal wieder auf den neusten Stand zu kommen. Es haben sich sogar neue Pärchen gebildet haha. Ich freue mich darauf wenn ich in den nächsten Wochen endlich mal wieder mehr Zeit mit Ihnen verbringen kann. Die Zeit vergeht so schnell!!
Am Abend bin ich dann mit einer Bekannten in ihr Heimatdorf gefahren, mal wieder ein toller Einblick in „rural China“. Wenn ich ehrlich bin, die Dörfer hier haben mich immer am meisten interessiert. Wir haben dann am Abend ewig gegessen und danach in einem Tattoo-Studio abgehangen, was offenbar der Jugendtreffpunkt ist, und während eine mir unbekannte ein Tattoo bekam haben wir zu „Sugar“ von Maroon5 getanzt. Es sind diese „China-Momente“ die mich selbst nach acht Monaten hier immer wieder treffen.
Am nächsten Morgen sind wir früh aufgestanden und mit sechs Leuten insgesamt, meine Freundin, ihre Zwillinge, ihre zwei Kumpel und ich, zum Berg gefahren. Auf dem Weg haben wir nach chinesischer Art natürlich erst mal gegessen. Es war ein seltsames Gemisch von Chilliöl mit Süßkartoffelnudeln, Tofu und Hühnchenfleisch in dickem Teig. Meine Freundin hat ihren Lifestream angemacht (das machen hier sehr viele einfach im Internet können sich das Leute dann ansehen, Lifekommentare schreiben und Geld geben) und ich wurde für kurze Zeit berühmt weil alle Leute natürlich die Ausländerin sehen wollten. Meine neue Geschäftsidee um Geld für meine Reise nach dem Abi zu sammeln ist also momentan, in chinesisch ab und zu einen Lifestream zu machen und dann möglichst viele Leute mir Geld senden zu lassen. Mal sehen ob das klappt. Weiter ging es mit einer Fahrt durch nicht endende kleine Dörfer, mit Häusern an der Straße und unförmigen Feldern dazwischen. Mittlerweile waren wir schon auf dem Berg und das Land war teilweise terassiert. Ich war mal wieder sehr lange nicht in der Natur gewesen. Die Fahrt dauerte lange und ich hab diesen kurzen Text geschrieben: 
„Ich weiß noch wie ich in China angekommen bin und aus dem Fenster geschaut habe. Ich habe die Gegensätze gesehen. Jetzt fahre ich hier im Dorf und schaue aus dem Fenster. Wir hören traditionelle Lieder. 我心很乱, Mein Herz ist unaufgeräumt. Ich schaue und sehe die alten Häuser. Die abblätternde Farben. Den alten auf seinem Dreirädrigen Fahrrad. Das Gemüse was überall angebaut wird. Die Steine und den Beton und den Rost an allem. Den Vater der mit seiner Tochter an der Hand lacht. Die roten Glückszeichen an den Türen. Die Leute in Hängematten. Die Zeichen überall die ich jetzt lesen kann. Die Besen aus Reisig wie sie auch die Straßenfeger in Zhengzhou benutzen. Ich höre auch das Geräusch was diese Besen machen. Ich sehe Kinder barfuß herumrennen. Ich sehe das alles und es verpasst mir einen Stich. China ist ein Teil von mir geworden und ich wünsche mir so sehr das ich in diesem wundervollen Land leben kann. China ist wie mein Teename 奇妙, seltsam und wundervoll. Ich will nicht mehr hier weg, ein Jahr reicht nicht um zu begreifen was die chinesische Kultur wirklich bedeutet.
Die aufgehängten Decken im Hof. Die auseinanderfallenden Lastwagen die irgendwie ist zusammengebunden sind. Die Mops aus Stoffresten und die Männer mit hochgekrempelten Tshirts sie mit rausgestreckten Bauch am Straßenrand diskutieren.
Die Dörfer hier haben noch ihre Tempeleingänge. Jeder ist anders und wunderschön. Vielleicht kann ich eines Tages mal durch China fahren, und all diese kleinen Dörfer besuchen. Wenn bis dahin alles so bleibt.“
Dann kommen wir an am Berg. Es ist sehr warm, fast heiß, und die trockenen Pflanzen verströmen den gleichen intensiven Kräutergeruch wie der wilde Thymian auf den Klippen in Portugal. Wir bekommen Tüten und machen uns auf den Weg durch dorniges Gestrüpp. Die Hunde die uns folgen lassen mich für eine Weile bereuen, dass ich in Berlin nicht noch eine Tollwutimpfung gemacht habe… Wir müssen teilweise richtig klettern, aber es ist es wert denn die Aprikosen die wir pflücken wachsen wild, und sind wirklich Mega lecker. Die Zwillinge die erst fünf sind rennen durch die Gegend und verfangen sich immer wieder in den Dornen. Der Himmel ist blau und ganz abseits von Zhengzhou kann man sehr weit sehen. Die Sonne scheint auch viel intensiver. Meine Freundin schreit in Henan herum und lacht ihr lustiges Lachen wenn ich nicht alles verstehe. Sie kann wie alle auf den Dörfern kein Mandarin chinesisch. Ich bin so glücklich mal wieder die Chance zu haben auf ein Dorf zu fahren. Wenn es etwas gibt was ich mehr liebe als China dann ist es das ländliche China. 
Zum Mittagessen gibt es die Spezialitäten des Dorfes. In China hat fast jedes Dorf seine eigenen Gerichte. Wir sitzen drinnen mit noch mehr Leuten die dazugekommen sind um mich zu sehen. Es gibt eine Variation von einem meiner Lieblingsgerichte, Hühnchenstücke mit Knochen die in Soße lange gekocht sind. Alle lachen und reden lautes Henan (was ich noch weniger verstehe jetzt, denn es ist im Akzent des Dorfes). Die Knochen schmeißen wir auf den Boden, was man in Zhengzhou nicht mehr überall macht und in Shanghai und so überhaupt gar nicht mehr. Der Typ der uns herumfährt fragt mich dann ob ich denn schon einen Verlobten hätte. Nee, sage ich, bin noch etwas jung oder? Da lacht meine Freundin, ach Quatsch, ich hab doch schon Kinder, „die Rose der schönheit verblüht schnell“. Was soll ich sagen? Dann sagt der Typ, er hätte auch niemanden und das er mich sehr gerne mag. Da erinnert sich meine Freundin daran, dass ich ja aus einem anderen Land mit anderen Sitten komme. Sie hilft mir und erklärt ganz schnell dass ich doch aus einer Hauptstadt komme, ein Stadtmädchen würde doch niemanden mit einem Dorf-Meldeschein heiraten. Das findet allgemeine Zustimmung und nachdem ich versichere, dass ich wenn ich zurück nach China komme auf die Universität gehe, vielleicht sogar in einer anderen Provinz, ist das Thema vom Tisch. 
Noch eine zweite Erfahrung danach ist, dass die bisher schlimmste Toilette in China (auf einem Berg in der Nähe von Xi’an) noch übertroffen werden konnte. Ich werde das hier nicht näher ausführen, aber es übersteigt das Vorstellungsvermögen. Wie auch immer, ich lebe schon lange genug in China. Total verstört komme ich heraus und werde von der Seite von einem Schwein angegrunzt was mir fast einen Herzinfakt verpasst. Vielleicht eine leicht unnötige Information für euch aber es war wirklich seltsam und ich will die Erinnerung hier festhalten.
Zurück im Essensraum verabschieden wir uns bald, um mit dem Auto nach Zhengzhou zurückzufahren. Ich mache noch Bilder mit allen Beteiligten und es werden Scherze gemacht, der Typ hätte wenigstens ein Bild von seiner Foreigner-Fast-Ehefrau. Im Auto turnen die Zwillinge herum (natürlich ohne Sicherheitsgurt) und wir essen trotz einsetzendem Fresskoma noch viele sehr sauere Aprikosen. Ich schaue aus dem Fenster und will eigentlich bleiben. Ich hoffe ich habe bald wieder die Möglichkeit mir ländliches China anzuschauen. Ein kleiner Plan von mir ist es, eine Roadtrip durch China zu machen und das Essen von den Dörfern zu kosten. Da packe ich Austin ein weil der auch chinesisch kann, und mich nicht nervt. 
Pläne für die nächste Zeit? 15 Kilo Aprikosen essen. 
Am Freitag ist mein letzter Schultag. Am Sonntag ist noch mal ein Abendessen mit meiner Klasse die sich dort auch zum letzten Mal sehen werden. Dann ist eine Woche. Vielleicht fahre ich mit Lulu und Sindy für ein paar Tage nach Qingdao. Die nächste Woche haben alle frei wegen Gaokao und Drachenbootfest. Dann besuche ich vielleicht eine Freundin in Chengdu (wo es das berühmte Panda-Centre gibt), denn in Chengdu wird das Drachenbootfest viel mehr gefeiert als in Zhengzhou. Dann ist noch mal eine Woche. Ein Wochenende gehe ich mit meinen Klassenkameraden in einen Freizeitpark. Eine letzte Woche. Und dann ist meine Mutter schon da, am Freitag Abend. Und dann am Montag morgen fliegen wir. Noch genau fünf Wochen. Und ich will noch so viel machen! Ich habe einfach Angst das die Zeit zu kurz ist, denn ich weiß ich schaffe nicht alles. Wenn ich darüber nachdenke wie ich mich von den Leuten verabschieden soll die mir hier etwas bedeuten, dann kommen mir manchmal sogar Tränen in die Augen. Ich will zwar nach Deutschland, aber ich möchte China nicht verlassen. Ich bin hier angekommen, diese Leute sind mir ähnlich. Keine Ahnung was ich jetzt machen soll. 

8 Kommentare

  1. Ach ja, Abschied nehmen tut manchmal schon weh, bevor es soweit ist. Alles wird so viel intensiver, und man möchte den Moment festhalten, und er soll nie mehr vergehen. Wie soll der Mensch denn damit zurecht kommen, dass so Wenig von echter Dauer ist, und dass wir nichts festhalten können? Ich hab mal einen schönen Satz gehört. Wir können den Wind nicht ändern, aber wir können die Segel anders (richtig) setzen. Ivi, Du wirst bestimmt noch viel von der Welt sehen, und irgendwann dort ankommen wo Du glücklich bleiben kannst.

    • Ja, ich glaube es ist ok das ich jetzt gehe, ich weiß schließlich sicher das ich wieder herkommen werde. Außerdem freue ich mich auch sehr auf meine Reisen im Sommer was das ganze etwas einfacher macht… Ich habe ja jetzt bald frei, dann kann ich Zhengzhou noch mal richtig genießen und vielleicht noch mal irgendwo hin fahren…

  2. Hallo Ivi,

    solche Beiträge von Dir sind immer wie kleine Urlaubsreisen. Danke fürs Mitnehmen!

    Mach doch eine Reise durch China und schreib ein Buch über die verschiedenen Gerichte…fänd ich spannend.

    Liebe Grüße!
    Dinah

    • Klingt nach einer sehr guten Idee! Bis dahin (ein Buch ist doch recht viel geschriebener Text und da muss ich erstmal deutsche Grammatik lernen…) halte ich euch gerne mit diesem Blog über mein Essen auf dem laufenden haha. Erwartet also Hunger haha… Am Wochenende fahre ich mit meinen Freunden vom Teehaus auf eine Veranstaltung in Beijing also gerne noch ein paar Berichte von der Mauer und so, das hatte ich das letzte mal nicht mehr geschafft…

  3. Ivi, du hast ja schon ein Buch geschrieben! Grammatik hin oder her – wofür gibt es Lektoren…
    Ich mochte mal wieder besonders deine Schilderung der Fahrt durch die Dörfer und freu mich auf die nächsten Einträge! Viel Spaß noch bei allem was du vor hast! Und der Spruch mit dem Wind und den Segeln ist übrigens von keinem Geringeren als Aristoteles ?

    • Ich müsste mal die Wörter zusammenzählen, aber für ein Buch wäre es sicher bald genug…

      Irgendwann schreibe ich noch mal meine Memoiren, wenn noch mehr cooles passiert ist. Nächste Woche irgendwann geht es endlich zur großen Mauer, das kommt dann in den Memoiren vor. Sonst füllt sich seitdem ich den ganzen WordPress Travel Hashtags folge meine Bucketliste immer weiter an… Also da passiert noch was.

  4. Hallo Ivi,

    naja, so schlimm ist Deine Grammatik nicht, und das sagt ein Sprachnazi wie ich.

    Ich hab heute Nacht geträumt, dass ich Dich in China besuche. Und, was ein Wunder: Wir waren die ganze Zeit essen! War auch echt lecker…irgendwas mit Nudeln und Blättern. Ansonsten war alles irgendwie sehr bunt und aufregend und ich hab mich tierisch gefreut. Und dann hast Du mir erzählt, dass Austin voll begeistert von chinesischer Politik ist. Hihi. Du siehst, Dein Blog zeigt Wirkung!

    Liebe Grüße
    Dinah

    • Hm hab ich mich schon in dein Unterbewusstsein gebohrt… Nudeln und Blätter kommt mir bekannt vor, ich lad dich ein wenn du kommst. Ich bin sicher die nächsten Jahre noch sehr oft hier und ich nehm dich gerne auf eine Dörfer- und Essenstour mit, wenn du Zeit/Geld/Lust hast.

      Ich muss dich aber doch enttäuschen, denn Austin redet nicht gerne über Politik. Scheint irgendwie so ein deutsches Phänomen zu sein, Politik diskutiere ich ausschließlich mit den anderen Deutschen hier. (Die übrigens 90% aller austauschschüler in Zhengzhou ausmachen, man kommt einfach nicht weg von ihnen!)

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