Was für ein Wunder, dass ich noch lebe

Mit diesem Post habe ich mich jetzt 8 Monate zurückgehalten, besorgten Großeltern zuliebe. Doch es muss gesagt sein; es ist eigentlich ein Wunder, dass ich noch lebe, beziehungsweise ohne eine ernsthafte Krankheit/Verletzung davongekommen bin. Zhengzhou ist halt Zhengzhou. Die als schlechteste angesehene Stadt in der schlechtesten Provinz, eine lachnummer für meine Freunde von anderswo.
Warum schreibe ich jetzt diesen Eintrag? Weil ich am Wochenende auf der Autobahn neben einem brennenden Benzintanklaster vorbeigefahren war der ziemlich sicher kurz danach explodiert ist. Weil man die Hitze durch die Fenster des Autos spüren konnte. Weil wir erst still waren, und dann als wir daran vorbeigefahren waren in der chinesischen Art anfingen zu lachen und der Fahrer zugab, er hätte ja eigentlich stoppen sollen…
Ein paar andere Dinge, die mir in meinen ersten Tagen hier immer Schauer über den Rücken gejagt haben, schließen auf jeden Fall den Verkehr ein. Denn es ist nicht nur jede Art von selbstgebautem Fahrzeug/Traktor/Lastwagen zugelassen, man braucht auch keinen Führerschein für Motorräder (Zumindest nicht in Zhengzhou, niemand hat einen.). Außerdem scheint es bei diesen keine Altersgrenze zu geben, ab ca. 9 Jahren kann hier jeder cruisen. Ach ja, und alkoholgrenze? Solange man noch laufen kann kann man ja wohl auch noch Roller fahren! Das gilt auch für 90+ Omis, die schon sehr an Reaktionsgeschwindigkeit und Geschwindigkeit im allgemeinen eingebüßt haben. Darüber hinaus haben viele der Leute die hier Auto fahren ziemlich sicher ihren Führerschein einfach gekauft. Außerdem haben Ampeln noch nicht die Akzeptanz erreicht wie im Rest der Welt, es gibt ein kompliziertes System wer wann fahren kann, es ist auch legitim diagonal zu fahren. Oder auf den Hochstraßen mit dem Fahrrad. Außerdem sind die Bürgersteige (manchmal gibt es auch keine) als Fahrbahn freigegeben. Man beachte dabei auch die sehr tiefen Schlaglöcher auf der Straße und hunderte Fußgänger die sich ihren Weg dadurch Bahnen.
Wer also noch nicht im Verkehr gestorben ist, fürchtet euch nicht! Auch für euch gibt es noch eine Menge Möglichkeiten zu sterben! Nehmen wir zum Beispiel die Stromkabel die hier zwischen den Bäumen an der Straße in dicken Strängen hängen. Sucht einfach die offenen enden die ab und zu runterhängen. Und ja, die Hälfte davon steht wirklich noch unter Strom. Und ja, die Dinger sind schwarz und wenn man davon ausgeht, dass der Fußgänger seine Aufmerksamkeit auf den Verkehr lenkt (Hoffe ich doch!), dann kann es schon mal passieren, dass man kurz davor noch stehen bleibt und dann für den Rest des Tages ein sehr intensives „Carpe diem“ Motto hat.
Dann diese Sache mit den Balkonen. Die Leute wohnen hier ja in bis zu 40-stöckigen Wohnhäusern. Und es ist auch total ok dann im 40. Stock einen Balkon mit einer sehr sehr niedrigen Absperrung zu haben. Adrenalinschock für den Tag gesichert. Natürlich nicht zu vergessen, dass man auf das Dach jeder dieser Gebäude einfach raufkann, wenn man die Treppe bis nach oben läuft. Meine chinesischen Freunde finden es auch eine ganz tolle Idee im 41. Stock zu picknicken, was trotz der Aussicht (an den paar smogfreien Tagen natürlich) nicht gerade entspannt ist für mich.
Picknick führt uns zum Essen. Und (wer hätte es gedacht) Zhengzhou hat neben der schlechtesten Luftqualität auch noch sehr sehr schlechte Essenstandarts. Zum Beispiel wird Fleisch von Ständen oder auch am Markt fast grundsätzlich nicht gekühlt. Was im Winter geht aber jetzt schon bei 35 Grad mittags ist das leiht suboptimal. Ich weiß nicht ob das niemand außer mir merkt oder alle es einfach akzeptiert haben, aber naja. Jedenfalls hatte ich die ersten Monate ständig irgendwelche Beschwerden (Ich werde jetzt nicht mit Details fortfahren), aber irgendwann war ich plötzlich geheilt. Ich meine, es gibt da so eine Schafssuppe in der Schulcafeteria die ich jedes Mal nicht vertragen habe bis irgendwann ich abgehärtet war. Andere hatten dieses Glück aber nicht und ich habe sowohl Foreigner als auch Chinesen auf regelmäßiger Basis wegen Lebensmittelvergiftung ins Krankenhaus gehen müssen sehen.
Und dann gibt es natürlich eine Menge Dinge die einen nur ganz langsam töten, zum Beispiel Smog und die ganzen Zusatzstoffe im Essen. Oder Schlafmangel…
Soll natürlich nicht heißen, geht nicht nach China. In Shanghai ist es wahrscheinlich sogar sicherer als in Berlin wegen Chinas Terrorismus-Politik. Zhengzhou ist halt immer eine ganz andere Geschichte. Macht das Leben aber auch spannend 🙂

14 Kommentare

  1. Deine armen Großeltern! Und was ist eigentlich mit Deinen Eltern? Machen die sich keine Sorgen?

    Das Gemeine ist, dass Du wahrscheinlich in Deutschland die ersten drei Monate Bauchschmerzen von den Milchprodukten und vom Brot kriegst….

    • Hmmmm das wird schon! Ich werde mich langsam wieder daran gewöhnen, erst mal fahre ich ja noch auf die Philippinen und nach Malaysia da gibt es einen Mix. Und ich hab sowieso vor in Deutschland öfter mal chinesisch zu kochen… ??

  2. hi Ivi, pass einfach weiterhin gut auf Dich auf. Wir haben hier oft darüber gesprochen, dass Dein Aufenthalt in China auch gesundheitliche Risiken birgt. Aber wir vertrauen Dir, auch dass Du im Notfall ein Signal gibst, oder die „Reissleine“ gezogen hättest, falls es untragbar wäre.

    • Ich habe mich hier wirklich daran gewöhnt, der Smog ist ja jetzt auch überstanden. Außerdem werden die Gefahren immens gemindert wenn man weiß wie man sich im Straßenverkehr verhalten soll und vor allem chinesisch spricht. Die Reissleine hätte ich wahrscheinlich nicht gezogen, weil ich es hier echt liebe.

  3. Jürgen + Christine

    Deine Großeltern sind ahnungsvoll und deshalb begründet besorgt.
    Aber schön, dass du uns schonen wolltes, aber die Summe der Gefahren erschrecken uns doch …etwas.
    Liebe Grüße aus schönen, beschaulichen und harmlosen Hünfeld???

  4. Mannomann! Im 40.Stockwerk Balkone – wer denkt sich denn sowas aus? In welchem Stockwerk wohnst du eigentlich?
    Aber vergammeltes Fleisch ist ja fast noch schlimmer…!
    Also auch von mir der Rat: pass auf dich auf und immer schön Gemüse essen ?

    • Hahaha ja bisher ging ja alles gut… Ich wohn in einem der alten Häuser, die haben nur 6 Stockwerke. Ich wohne im fünften.

  5. Hey, ich bin Danya und möchte nach dem Abi ein Jahr als Au Pair nach China gehen. Also sauge ich alles an Wissen auf, was ich bekommen kann und so bin ich auf diesen Blog gestoßen.
    Ich finde es wirklich interessant, was du so alles über China schreibst.
    Das ist bisher der beste China-Blog, den ich gelesen habe. Es ist schön, dass du nichts beschönigst aber auch nichts kaschierst. Wirklich, die Schreibweise gibt einem das Gefühl, dabei zu sein. So detailliert und lebendig wie du schreibst.
    Und selbst mit Posts wie diesen schreckst du mich nicht von China ab – Im Gegenteil, diese Andersartigkeit, Befremdlichkeit und vielleicht auch ein bisschen der Reiz am gefährlich-unbekannten machen meine Neugier noch größer. Ich habe bis jetzt jeden Blogeintrag gelesen und hoffe, du machst fleißig damit weiter. Wirklich gelungener Blog!

    • Hallo Danya, lieb dass du mir ein Kommentar dagelassen hast! Lass dich auf keinen Fall abschrecken! Das Leben ist immer irgendwie gefährlich. Ein Auslandsjahr in China wird sehr schwer werden manchmal aber es lohnt sich so sehr und wenn du es schaffst chinesisch zu lernen, dann wirst du wirklich sehen wie freundlich alle hier sind. In welche Stadt möchtest du? Und was macht dir am meisten Bedenken?

      Ich geb dir gerne ein paar Tipps ☺️?

  6. no risk no fun

  7. Hey ivi,
    Hab auch mal wieder deinen Blog verfolgt, wirklich tolle Geschichten und Eindrücke die du schilderst 🙂
    Hoffe dir geht’s gut und wir sehen uns mal wieder!
    Liebe Grüße aus London,Kathleen <3

    • Haha danke dir 🙂 leider hab ich die letzten drei Monate nicht so richtig Zeit gehabt 🙃 Anyway, ich freue mich ja noch viel mehr wenn du mal was erzählst, bin ja jetzt schließlich im *langweiligen* Berlin… Bis bald!

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